Autor*innen-Porträts

Thomas Kling

5. Juni 1957 – 1. April 2005

Thomas Kling
© Anita Schiffer-Fuchs / Süddeutsche Zeitung Photo

Autor und Ort

Im Jahr 1994 zog Thomas Kling gemeinsam mit seiner Frau, der bildenden Künstlerin Ute Langanky, aus Köln in die ehemalige Raketenstation Hombroich bei Neuss, wo er zehn Jahre im Hauptbunker der Anlage lebte. Heute befindet sich in seinen ehemaligen Arbeitsräumen das von der Stiftung Insel Hombroich betreute Thomas-Kling-Archiv. Seine Heimat, den Niederrhein, verarbeitete er auch in seinen Gedichten: Besondere Berühmtheit erlangten die Werke über die Düsseldorfer Szenekneipe Ratinger Hof. Posthum richtete die Kunststiftung NRW im Jahr 2011 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn die Thomas-Kling-Poetikdozentur ein. Das Grab von Thomas Kling befindet sich in Neuss-Holzheim.

Leben und Werk

Thomas Kling wurde am 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein geboren. Er wuchs in Hilden auf, verbrachte jedoch viele Sommer bei seiner Patentante am Mittelrhein. Nach dem Abitur am Humboldt-Gymnasium Düsseldorf studierte er Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Köln, Düsseldorf und Wien. Erste Anregungen zum Schreiben erhielt Kling von seinem Großvater, der als Gymnasiallehrer und Historiker arbeitete. Dieser gab nicht nur das Interesse an Geschichte an den jungen Kling weiter, sondern auch die Begeisterung für expressionistische Literatur und legte damit den Grundstein für dessen Werk, das als stilbildend für die deutschsprachige Lyrik nach 1990 gilt. Neben dem Großvater waren die Werke Gottfried Benns und Georg Trakls ein wichtiger Einfluss, ebenso seine Zeit in Wien, wo er Kontakt knüpfte zu Friederike Mayröcker, Ernst Jandl und zur Wiener Gruppe um Hans Carl Artmann.

Erste eigene Texte veröffentlichte Kling ab 1977 in der von zwei Schulfreunden herausgegebenen Zeitschrift Zwiebelzwerg – Zeitung für Kunst und Kultur. Im gleichen Verlag erschien 1977 auch ein erster Gedichtband mit dem Titel der zustand vor dem untergang. Schon früh verband Kling seine schriftstellerische Tätigkeit mit performativen Elementen: Auf der Gegenbuchmesse 1979, einer anti-kommerziellen Protestveranstaltung zur Frankfurter Buchmesse, verkaufte er die Restauflage seines Debüts, von ihm selbst zerschnitten, als „Büchergulasch“. Ab 1983 präsentierte Kling seine Gedichte schließlich auch auf den Bühnen des Rheinlands, der Durchbruch gelang ihm 1994 mit dem Gedichtband erprobung herzstärkender mittel. Im selben Jahr erfolgte der Umzug auf die Neusser Raketenstation Hombroich. Dort setzte er Projekte um, die in Zusammenarbeit mit seiner Frau Ute Langanky entstanden, und engagierte sich als Initiator des Lyrikfestivals Hombroich: Literatur, das von 1995 bis zu seinem Tod 2005 jährlich auf dem Museumsgelände stattfand.

Inhaltlich legte sich Kling nicht auf ein Thema fest. Ihren modernen Charakter erhielten seine Texte im besonderen Umgang mit der Sprache, die vor allem in Lesungen zutage trat. So wurde der Vortrag zur „Sprachinstallation“, wie er selbst sagte, zur Sprachperformance, in der geflüstert, gerufen, mal schnell, mal langsam gesprochen wurde. Oft wurden seine Lesungen von Live-Musik begleitet, speziell Jazz. Auch in der Notation seiner Gedichte schlug sich dies alles nieder: Worte und Sätze wurden in ihre Elemente aufgelöst und neu zusammengesetzt. Eine Technik, die auch über Klings Werk hinaus stilprägend sein sollte.

Im Jahr 2005, dem Jahr der Veröffentlichung seines letzten Gedichtbands Auswertung der Flugdaten, starb Thomas Kling im Alter von 47 Jahren an Lungenkrebs. Zu Lebzeiten erhielt er viele Preise für sein Werk, darunter den Else-Lasker-Schüler-Preis für Lyrik (1994) und den Düsseldorfer Literaturpreis (2005). Er war außerdem Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland.

Von Sarah Hufnagel

RAKETENSTATION 1



geräusch geräusche dies ein fortpflanzen dieses rauschen wie von

außerhalb dies ineinander übergehn ein mixen ohne unterlaß.



gefunk unsummen ältrer sprüche. sprech natürlich von den vielen

viechern flüglern und von wieseln die karnickel jagen: wenn



die nicht überhaupt erblindet schnell verrecken blaue ränder

schleim-geschwulste um karnickelaugen zügig ziehen stäbchen



weiter durch die organismen und geräusche eingebaute endlos-

schleifen dub-zikade in den nächten gegenlichter ausgeschlafene



insekten die ein tänzchen wagen tanzbein schwingen so der wind-

und wolkenstand es zuläßt. früh im diesigen koordinaten



einflugschneise abgetanzte vollgetankte dinge-dinge macht ja was

aus die autobahn-hornisse regt sich überträgt sich und erst recht



die frühen flüge eben hoch im blauen models werber businessmen

und kurzurlauber werden übertragen tanzen mit den ureinwohnern



ihre tänze, sind auf fake & koks & jägermeister je nachdem so klar

so fein verteilt durch blauen äther oh die treueren begleiter: schleiern



stoff zum treiben feinste kerosinchen über turm kaverne lungenkraut

hm wir nippen an den beeren schlürfen von holundersäften die uns



stärken feuerdämmernis im westen jetzt wo letzte kleine füchse gaukel

gaukel menningfarbne flügel wo die wespen wasser suchen gehn.



(aus: Thomas Kling: Fernhandel. DuMont Buchverlag, Köln 1999.)