Millicher Bach
Zwischen Millicher Bach und kirgisischem Tschüi erzählt Georg Smirnov von Außenseitertum, Ankunft und der Kraft eines einzigen Fußballbilds.
GLAUBENSSÄTZE
Marcel Theisen war
FC Bayern München Fan
1990 am Niederrhein
war das unerhört
ein Frevel
eine Sünde
eine Beleidigung
ein Aufruf zur Selbstjustiz
hier an der Rur ohne h
unweit der niederländischen Grenze
gab es nur Borussia Mönchengladbach
vielleicht noch Alemannia Aachen
Marcel machte sich zum Außenseiter
er manövrierte sich ins Abseits
dieses Kind von sieben acht neun Jahren
zeigte Willensstärke und Widerstandskraft
Marcel war Einzelkind
seine Mutter alleinerziehend und berufstätig
das machte sie zu einem suspekten Wesen
1990 am Niederrhein
als Aprilgeburtstagskind
war Marcel ein Osterferienkind
diese verbrachte er oft in München
bei seiner Patentante Gisela
Giselas früh verstorbener Ehemann Peter
war zu Lebzeiten Vorstandsmitglied
eines FC Bayern München Fanclubs
sein Arbeitszimmer das reinste FCB-Museum
Marcel durfte darin wohnen
er wähnte sich im Fußballhimmel
und wäre am liebsten nie mehr
aus seinen Fußballträumen aufgewacht
während Marcel träumte
verbrachte ich die letzten Tage
eines untergehenden Imperiums
in der kirgisischen Stadt Tokmak
mein Name war Jegor Smirnov
ein kränkliches verschüchtertes
sehr stilles beinah stummes Kind
das am Ufer des Grenzflusses Tschüi aufwuchs
der Tschüi trennte Kirgistan von Kasachstan
war Namenspate für den gesamten Verwaltungsbezirk
Tokmak eine prototypische sowjetische Stadt
mit der unvermeidlichen Magistrale Uliza Lenina
wir lebten im dritten Mikrorajon
einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt
unweit eines kleinen unbenannten Kanals
der an meiner Schule Nr. 7 vorbeiführte
nach Schulschluss saß ich dort oft stundenlang
an einem Steg und dachte darüber nach
wohin mich das Wasser führen würde
wenn ich mich dort hineinbegäbe
würde ich im Tschüi herauskommen
und wohin würde mich dieser dann tragen
der heimische Tschüi wurde mir zu
meinem ganz eigenen Mississippi
in meinen unbändigen Träumen
segelte ich in einem selbstgebauten Floß
den brausenden Tschüi hinab
würde ich im Issyk-Kul herauskommen
diesem See gewordenen Stolz Kirgistans
in dem ich in ungezählten Sommern
nicht gelernt hatte zu schwimmen
weil zu viel Angst war in meiner Welt
zu viel Todesangst in meinen Gliedern
zu viel Verkrampfung in meinen Muskeln
zu viel Erinnerung an Erinnerung
an nicht selbst erlebtes Leid
und dann was wäre die nächste Station
das Kaspische Meer vielleicht
oder das Schwarze Meer
womöglich der Indische Ozean
so saß ich nach Schulschluss an diesem Kanal
wo die Älteren Fußball spielten
mit dem Ehrgeiz von jungen Motoren
mit der Leidenschaft von Generatoren
dies war der Nachwuchs von
Dinamo Frunse
Dinamo Tbilisi
Dinamo Minsk
Dinamo Moskwa
Spartak Moskwa
Torpedo Moskwa
Senit Leningrad
Ararat Jerewan
Dinamo Kiew
Schachtjor Donezk
Tschernomorez Odessa
hüte mich Mama Odessa
ich hätte so gerne mitgespielt
wenigstens ein Mal
diesen Ball diese lederne Kugel
mit meinen billigen Schuhen berührt
eines Tages ich befand mich gerade
in den Stromschnellen des Mississippi
flog der Fußball der Jungs knapp über
meinen Kopf und mitten ins Wasser hinein
ich dachte nicht nach sondern sprang
ich platschte in den Kanal
fing an zu rudern zu paddeln
und um mich zu schlagen
hastig und panisch schnappte ich
nach Luft und nach Wasser
vom Ball keine Spur
doch das war jetzt egal
ich glitt hinab von träger Flut getragen
als leichter Korken tanzte ich auf einer Welle
ich scherte mich den Teufel um das Spektakel
das sie am Ufer machten und übertrat die Schwelle
in ein dumpfes weiches Dunkel
das stete Rauschen machte mich schläfrig
ich musste unwillkürlich seufzen
sanft fielen mir die Augen zu
ich legte ab
die Angst die Trauer die Gedanken
an meine Eltern meine Freunde
meine Schule und mein Land
ich erwachte in Deutschland
eine gleißend helle
fast durchsichtige Gestalt
küsste mich ins Leben zurück
als ich zu mir kam merkte ich
dass es kein Engel war
auch keine Ärztin
wie ich im nächsten Augenblick dachte
ich saß in einem Büro
der Standesbeamte zog die Gardinen zu
o diese Sonne die so unbarmherzig
sein Fenster bestrahlte
Herr Sonnenschein
hieß der freundliche Mann
er händigte meinen Eltern
das Familienbuch aus
den Registrier- und Passierschein
die Bescheinigung über die Wiedergeburt
Vater Sohn und heiliger Geist
Vater Mutter und Kind
Andrej Vera und Georg
Liebe Glaube und Hoffnung
Beleidigung und Erniedrigung
Sühne und Schuld
Verbrechen und Strafe
Trauer und Turnschuh
der Kopf Maradonas und
die Hand Gottes am Ball
im Hinausgehen
aus dem felsschweren Dunkel
vernahm ich
ein hochösterliches Glockengeläut
einen Hauch von Zungenrede
aller Lust dieser Welt
Marcel hatte Geburtstag gefeiert
die Osterferien dauerten an
bleierne Tage verstrichen
bis unsere Wege und Blicke sich kreuzten
Marcel kam auf dem Schulhof
direkt auf mich zu und
drückte mir unverblümt
eine Hanuta in die Hand
magst du Fußball
was ist dein Lieblingsverein
wie findest du Bayern
komm mach schon auf
ich tat mir sehr schwer
beim Öffnen der Verpackung
ein Mann auf einem Bild
blickte mir angenehm lächelnd entgegen
Andreas Brehme du Glückspilz
schoss es aus Marcel heraus
das Bild such ich schon lange
behalt es denn es bringt Glück
ich prägte mir den Namen und das Gesicht
Andreas Brehmes sehr genau ein
er wurde mir zum Inbegriff
des Deutschen schlechthin
blondes Haar leichtes Lächeln
freundlicher harmloser Blick
ich wollte sofort ein Andreas sein
ein gütiges Wesen ein zweiter Marcel
ich lernte sehr schnell
wusste bald über die einzelnen Bilder Bescheid
24 Sammelbilder sind 24 Vorbilder
für jede Stunde des Tages eine Option
die WM 1990 begann
und damit die elenden Fragen
bist du für Russland
für die Sowjetunion
warum sollte ich das sein
diese Haut habe ich abgelegt
ihre letzten Spuren und Fetzen
wurden mir gründlich abgeschabt
ich bin Georg
ein Deutscher
von ganzer Seele
und mit ganzem Gemüt
mein Blut kocht
für Deutschland
mein Herz
pocht für
Bodo Illgner
Raimond Aumann
Andreas Köpke
Thomas Berthold
Andreas Brehme
Stefan Reuter
Klaus Augenthaler
Guido Buchwald
Alois Reinhardt
Jürgen Kohler
Lothar Matthäus
Hans Dorfner
Günter Hermann
Andreas Möller
Olaf Thon
Thomas Häßler
Holger Fach
Uwe Bein
Jürgen Klinsmann
Karlheinz Riedle
Rudi Völler
Pierre Littbarski
Franz Beckenbauer
Holger Osieck
mein Herz glüht
für Audi
für Volkswagen
für Ford
und Mercedes
für Siemens
für Bosch
für Thyssen
und Krupp
für Kohl
für Genscher
für Schäuble
und Waigel
für Blüm
für Süssmuth
für Töpfer
und ja auch für Möllemann
ich sterbe für
Haribo
Duplo
Hanuta
und Zwieback von Brandt
abends versammelten wir uns
vor einem Schwarzweißfernseher
in unserem Kellerloch im Heim
und schauten die Spiele der Deutschen
tags darauf
spielten wir das Gesehene nach
unser Spielfeld
ein Fleckchen Rasen am Millicher Bach
wir wetteiferten wir imitierten
die Fouls von Rudi Völler
die Schwalben von Thomas Häßler
die Tore von Lothar Matthäus
meine ersten deutschen Sommerferien
waren die furchtbarsten meines Lebens
weil so viel unklar und unplanbar war
so viel Angst so viel Sprachlosigkeit
meine ersten deutschen Sommerferien
waren die traumhaftesten meines Lebens
weil so viel unklar und unplanbar war
so viel Mut und so viel Verständigung
Marcel war täglich bei uns
er schenkte mir einen Fußball
ich wollte ihn schonen und
aufbewahren für alle Zeit
ich legte ihn in mein Bett
und schlief Arm in Arm mit ihm ein
für nichts in der Welt gäbe ich ihn her
ich würde ihm folgen überall hin
am achten Juli
um kurz vor zweiundzwanzig Uhr
schoss Andreas Brehme
einen Elfmeter ins argentinische Tor
Deutschland
wurde zum Meister der Welt
Fußball
ein Meister aus Deutschland
die Meister des Wohnheims
schwärmten nach dem Schlusspfiff
in die Dämmerung aus
jeder wollte Andreas Brehme sein
Marcel griff sich meinen Ball
es gab keinen Zweifel
er war der Deutsche
ihm gehörte der Schuss
meine Mutter erkannte mein Unglück
sie wollte die Torwartin sein
die Hüterin meiner Enttäuschung
er schoss sie sprang ich erstarrte
Marcel traf den Ball miserabel
wie ein Querschläger flog dieser davon
mitten ins Wasser
hinein in den Bach
ich sah in Zeitlupe wie meine Mutter ihre
sowjetischen Leichtathletikskills reaktivierte
ein kurzer Sprint ein kraftvoller Stoß eine Drehung
ein Weitsprung ein Hochsprung ein Fang und ein Fall
ich sah meiner Mutter zu
wie sie lächelnd im Millicher Bach trieb
sich abstrampelte mit meinem Ball in der Hand
immer weiter der Rur zu
unserem niederrheinischen Mississippi
immer weiter und weiter vorbei am Adolfosee
immer weiter und weiter
und weiter aus Deutschland hinaus
sich vorbeischlängelnd an den Ufern der Roer
über die Maas und die Amer
dem großen Wasser dem eisigen Meer
der Mordsee der tödlichen Nordsee entgegen
Vita
Georg Smirnov wurde 1981 in Russland geboren und verbrachte seine frühe Kindheit in Kirgistan. Im Alter von acht Jahren emigrierte er mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach Aufenthalten in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Bramsche und Unna kam die Familie nach Hückelhoven im Kreis Heinsberg. Nach seinem Abitur absolvierte Smirnov eine Berufsausbildung zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste bei der Deutschen Welle in Bonn. Es folgte ein Bachelor of Arts in Kommunikationswissenschaften, Germanistik sowie Vergleichender Literatur- und Kulturwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seinen Master of Arts erlangte Smirnov in Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin mit einer Abschlussarbeit über das kulturhistorische Konzept des Neuen Menschen und dessen Ausprägung in der sowjetischen Literatur der 1930er Jahre. Nach einer mehrjährigen dokumentarischen Tätigkeit für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) lebt Smirnov seit 2015 als Dokumentar mit Arbeitsschwerpunkt NS-Geschichte in Köln. 2024 erschien bei Rimbaud in Aachen sein Lyrikdebü "Zurichtungen".