Textstellen

Jostensbusch

Fiona Sironic denkt zurück an Kindererinnerung im Jostensbusch in ihrem Text zum Stadtteil Neusser Furth.

Als der Jostensbusch noch wie ein Wald aussieht, bauen wir Lauben aus jungen Eichen und Buchen: Da wo es grün wird binden wir sie zusammen und setzen uns hinein. Tagelang sitzen wir da und schnitzen Stöcke, mit denen wir uns bekämpfen, mustern die Rinde, beobachten Eichhörnchen, tauschen Sammelkarten. Ohne dass wir es bemerken, haben die Eltern und Großeltern uns im Blick. Sie passen auf. Sie erinnern sich noch an die Toten im Busch, die in unserem Gedächtnis noch nicht vorkommen, die wir nicht mit dem Ort verknüpfen. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, in der die Bäume dichter standen. Auf der anderen Seite sitzen die Jugendlichen. Sie sitzen auf den Bänken und auf der Tischtennisplatte. Sie rauchen Zigaretten und Joints und trinken Eistee und Bier. In einer Holzkiste sammle ich Kronkorken, die am Morgen um die Bänke herum liegen. Der Jostensbusch filtert die Marschmusik, die an Pfingsten vom Further Schützenfest an die Kinderzimmerfenster dringt und sein krümeliger Boden filtert die Hinterlassenschaften der Schützen. Die Gruppen, in denen wir uns zum Laubenbauen treffen, variieren in ihren Größen, es werden mehr und weniger Kinder, aber immer sitzen die Jugendlichen auf den Bänken und rauchen und machen uns Angst, oft ohne etwas zu tun. Aus einem Sandkasten wird ein Basketballplatz. Manchmal wandert jemand vom Laubenbauen auf die Bank, aber nur selten, bis es dann irgendwann doch keine Laubenbauer*innen mehr gibt, bis es nur noch die Jugendlichen auf den Bänken sind, deren Namen wir häufiger kennen, und die Spaziergänger*innen mit ihren Hunden und ein umgefallener Baumstamm, der Luftlinie genau zwischen meinem und Ls Haus liegt. Wir treffen uns dort, um Eis essen zu gehen, nur ein paar Meter weiter bei Salvatore Fregapane, um, zurück im Jostensbusch, einhändig zu klettern, auf dem liegenden Baumstamm zu stehen, der entwurzelt ist, wie ein Vorbote. Dort zu reden, die ersten echten Gespräche zu führen, während das Schokoladeneis aus den Hörnchen tropft. Der Sturm kommt erst, als ich die Stadt schon verlassen habe. Beim nächsten Besuch liegt der Baum in der Mitte nicht mehr allein und wegen der Möglichkeit herunterfallender Äste wird gesperrt und gestutzt, später erst abgetragen und angeschüttet. Für eine ganze Weile bleibt eine kahle Fläche, deren Anblick immer wieder für einen kurzen Schrecken gut ist. Dann erst, als alle sich ausgiebig geschreckt haben, wird Rasen gepflanzt, der wenig mit den unregelmäßigen Bodendeckern unserer Kindheit zu tun hat. Der Spielplatz ist jetzt über den ganzen Jostensbusch verteilt, es gibt Karusselle und eine Seilbahn. Da wo der eine Baum lag, hängen Schaukeln an überdurchschnittlich hohen Metallgestellen. Zweitausendneunzehn wird der neue Park den Neusser*innen übergeben. Bei einem Besuch lasse ich mich auf eine Schaukel fallen, grabe die Spitzen meiner Sneakers in den Sand und esse mit einer Hand ein Eis, während ich über Kopfhörer mit L telefoniere. Es wurden neue Bäume gepflanzt. Die fallen nicht vom Himmel. Bei der Auswahl der Arten wurde auf Trockenheits- und Hitzeresistenz geachtet.

Vita

Fiona Sironic wurde 1995 in Neuss geboren und studierte Kreatives Schreiben, Sprachkunst, und Gender Studies in Hildesheim und Wien, wo sie heute als Schriftstellerin lebt. Sironic erhielt für ihre Texte verschiedene Nominierungen, Preise und Stipendien, zuletzt eines der Werkstattstipendien im Rahmen des Deutschen Preises für Nature Writing 2024. Neben Prosa verfasst sie unter anderem Artikel über Videospiele und gibt Workshops zum Kreativen Schreiben. Ihr Debütroman Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft erscheint im März 2025 bei Ecco.