Hier schreiben im Wechsel Autor:innen aus dem Rheinland über Sätze, die ihnen hängengeblieben sind. Heute: Luca Swieter.
Meine Oma hat irgendwann die Eigenschaft entwickelt, jegliches als „normal“ einzustufendes Vorhaben mit einem „Muss das denn sein?“ zu kommentieren.
„Mama und ich machen nachher eine Fahrradtour!!!“ - „Muss das denn sein?“
„Ich arbeite gerade an einem Text über ein Theaterstück!!!“ - „Muss das denn sein?“
„Morgen fahre ich mit dem Zug nach Oldenburg!!!“ - „Muss das denn sein?“ (Das ist vielleicht die einzige berechtigte Frage).
Alles, was ich mitteilen möchte, trage ich in der Regel laut schreiend vor. Wie jede Oma, die etwas auf sich hält, hat sie die Hörgeräte eingesetzt, aber nicht angeschaltet. Omas Stimme wiederum ist zart wie ihre Haut, ruhig und immer leicht tadelnd, wenn sie mal wieder in Erfahrung bringen will, ob etwas wirklich sein muss.
„ Ihre Erinnerung, in der wir alle eingefroren sind “
Meine Oma ist vor sieben Jahren als Folge einer Erkrankung blind geworden. Im hohen Alter das Augenlicht zu verlieren, stelle ich mir herausfordernd vor. Ihre Welt war unwiderruflich verändert worden, sie bestand ganz plötzlich aus Schrittlängen, akribisch ausgemessen und abgezählt zwischen Sessel und Tisch, zwischen Tisch und Bad, zwischen Bad und Bett und wieder zurück. Ihre Welt war auf einmal der Arm ihrer Schwester, der sie immer noch alle zwei Tage durch den nah gelegenen Park führt. Ihre Welt war ihre Erinnerung, in der wir alle eingefroren sind, ich bin noch 24, mein Bruder 22, meine Schwester gerade 18. Von allem, was neu in ihr Leben tritt, von ihren neugeborenen Urenkeln, muss sie sich mit den Fingerspitzen ein Bild in ihre Vorstellung zeichnen. Ich habe große Achtung vor meiner Oma, davor, wie gut sie sich mit diesem Einschnitt in ihrem Leben arrangiert hat.
Wenn es aber heißt „Muss das denn sein?“, möchte ich ihr trotzdem am liebsten erklären, dass ich eben nicht mehr 24 bin und dass ein elementarer Bestandteil des Erwachsenwerdens in der Erkenntnis besteht, dass Dinge sein müssen und dass es darüber hinaus ebenfalls wichtig ist, Dinge zu wollen und zu machen.
Dass sie sich mal vorstellen sollte, was passierte, wenn ich ihren Worten Folge leisten würde. „Entschuldigung, ich kann den Text leider nicht abgeben, meine Oma hat gesagt, das muss nicht sein.“
„ Ich kann ihr nicht böse dafür sein, dass sie eben Oma-Sachen tut “
Wenn das, was wir tun wollen, etwas ist, was nicht sein muss, was ist es dann, was wir tun sollen? Ich könnte auch fragen: Was ist es, das meine Oma sich für uns wünscht? Im Grunde kenne ich die Antwort. Ich kenne die Antwort, weil sie mir jedes Mal folgendes vorbetet, wenn ich sie besuche: „Ihr möchte, dass ihr eine feste Anstellung habt und eine feste Partnerschaft.“ Leider kann ich weder mit dem einen noch mit dem anderen dienen.
„Muss das denn sein?“, fragt meine Oma, und zum Wohl unseres Verhältnisses muss es sein, dass ich mich besinne. Ich kann ihr nicht böse dafür sein, dass sie eben Oma-Sachen tut: Die Hörgeräte nicht einschalten und sich unnötige Sorgen machen, deren Ursprünge in einer anderen Zeit verwurzelt sind. Ich kann verstehen, dass sie sich mit meinem Job und meinem Lebensstil schwer tut. Dass sie verletzlich ist und ein anderes Einschätzungsvermögen über die Welt hat.
Letztendlich ist der Satz „Muss das denn sein?“ eine einfache Übersetzungsaufgabe. Er heißt: „Ich will, dass es euch gut geht“. Nur eben in Oma-Sprache.
Luca Swieter arbeitet als Autor und Spoken Word-Poetin in Köln. Zuletzt erschien "Die kleinen Dinge" (Brimborium Verlag).