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"The best way to proceed is to ignore it"

Son Lewandowski
Maximilian Gödecke

Son Lewandowski über die erschütternde Debatte um die Epstein-Files.

– von Son Lewandowski

Bildrechte: Maximilian Gödecke

Statt einer Kolumne, aus aktuellem Anlass: Ein Kommentar von Son Lewandowski

The best way to proceed is to ignore it“, rät der Philosoph Noam Chomsky 2019 dem schon lange verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in einer E-Mail. Im selben Jahr wird Epstein erneut wegen des dringenden Verdachts, Zentrum eines internationalen Sexhandelsrings mit Minderjährigen zu sein, verhaftet. Vor Gericht wird er nie gestellt, das ist bekannt, Epstein wird am 10. August 2019 tot in seiner Zelle aufgefunden – Selbstmord. The best way to proceed is to ignore it.

„ Ein Verbrechen, das auf eine perfide Art too big to fail ist “

Auch die jetzt veröffentlichten Epstein-Files können ihm nichts mehr anhaben, da können sie noch so ungeheuerlich sein – und zahlreich: Würde man alle Dokumente nebeneinanderlegen, sollen sie mehr Platz einnehmen, als die Fläche von Venezuela und Grönland zusammen, heißt es in einem Instagram-Post. Aber das kann ich nicht überprüfen. Und überhaupt kann ich nichts überprüfen, und mit diesem Unbehagen im Daumen scrolle und scrolle ich mich jeden Abend vor dem Einschlafen durch die vielen Beiträge zu den Epstein-Files und frage mich, ob es eine Gewalt gibt, die so systematisch und so ungeheuerlich ist, dass sie nicht gefasst werden kann, empathisch, rational, juristisch. Ein Verbrechen, das auf eine perfide Art too big to fail ist, nicht nur wegen der unfassbaren Vorwürfe und der Opfer, die von Missbrauch, Mord, Kannibalismus und Folter betroffen sein sollen, sondern vor allem wegen der mutmaßlichen too big to fail-Täter. Alle Machteliten der Politik, Monarchie, Wirtschaft, Wissenschaft, Populärkultur scheint der Sexhandelsring mit Minderjährigen zu umfassen.

Ich schreibe „scheint“, aber ich bin mir sicher. Nicht wegen der kreisenden Dokumente, die mitunter auch gefälscht sind, sein könnten, sondern weil ich den hunderten, nein: tausenden Überlebenden glaube, die über Jahrzehnte versucht haben, zu Wort und zu ihrem Recht als Opfer des Missbrauchs durch Epstein und seinem Netzwerk zu kommen, die ausgesagt haben, beim FBI zum Beispiel, und die jetzt wieder als Zeuginnen auftreten, in Washington vor dem Capitol, in Interviews, gerne auch vor Gericht. Aber einen Prozess gibt es nicht.

Und auf eine perfide Weise verschwinden die Stimmen dieser Überlebenden hinter den Unmengen an Dokumenten und dem Kampf um deren Bedeutung, Echtheit und Auslegung. Ihre Zeuginnenschaft verblasst. 

„ Die Aussagen der Frauen über die letzten Jahrzehnte spielen keine Rolle. “

Nun sind die Dokumente da und sie werden nicht selten besprochen, als hätte es all diese Aussagen und Anzeigen gar nicht gegeben. Sie haben in Talkshows erzählt, was ihnen passiert ist, haben Bücher geschrieben, haben in Eingangshallen vor der Presse gestanden und herausgeschrien, was auf Epsteins Privatinsel passiert ist. Zuletzt standen sie in der Werbepause des Super Bowl mit ihren Gesichtern und ihren Geschichten ein. Sie machen sich sichtbar, erzählen sich, immer auch mit der Gefahr, bedroht und nochmals erniedrigt zu werden, weil man ihnen nicht glaubt.

Die SPD-Politikerin Katarina Barley bringt es bei Markus Lanz auf den Punkt: Abgesehen von all den Dokumenten, die nun erst geprüft und eingeordnet werden, erinnert sie daran, dass es „ja auch Menschen [gibt], die dabei waren. Es gibt die Opfer, es gibt die Frauen und viele von denen haben ausgesagt und die ganzen Jahre über spielen die eigentlich überhaupt keine Rolle. Also da sind ja Menschen, die sagen könnten, wer da war. Die Aussagen der Frauen über die letzten Jahrzehnte spielen keine Rolle.“

Kurz darauf lässt Lanz ein Bild aus den Epstein-Files einblenden, das Prinz Andrew zeigt, der sich über eine schmale auf dem Boden liegende Gestalt beugt und in die Kamera starrt – vielleicht liegt dort ein bewusstloses Mädchen, vielleicht eine Frau, der Balken schützt das Opfer nachträglich, wovor es in der abgebildeten Situation nicht geschützt werden konnte. Mit Markus Lanz zusammen schauen wir nun also auf dieses Bild der schutzlos daliegenden Gestalt, das bei mir unwillkürlich Alarmgefühle und Ekel auslöst. 

Lanz aber sieht anders und interpretiert kurz laut vor sich hin: „Hilft der möglicherweise jemandem? Ich weiß es nicht. Aber im Zweifel für den Angeklagten, würde ich mal sagen.“ Das meint: gegen den Vorwurf des Übergriffs.

„ Hermeneutische Ungerechtigkeit “

In meinem Studium der Literaturwissenschaft gab es eine Regel, die wir bei der Interpretation von Texten anwenden sollten, wenn wir in unseren Lesarten wertend wurden oder über das Ziel hinausinterpretieren und in einen Vers oder Satz oder auch in eine Filmszene unsere eigene Welt hineinlesen wollten: das Prinzip der hermeneutischen Billigkeit. Sprich: Man interpretiert wohlwollend und geht von einem klugen Hintergedanken aus, statt das Werk anzuklagen oder abzuwerten.

Man könnte jetzt sagen, dass auch Markus Lanz hermeneutisch gerne billig bleibt und den damaligen Prinz Andrew hier ehrenwert das Principle of Charity zugesteht.

Man könnte aber auch sagen, dass hier umgekehrt die naheliegendste Interpretation im Kontext der Epstein-Files ignoriert wird: Im Wissen darüber, dass Epstein ein verurteilter Sexualstraftäter ist, im Wissen darüber, dass Prinz Andrew bereits von seinem Königshaus verstoßen wurde und die verstorbene Virginia Guiffre bis in ihren Tod und darüber hinaus in ihrem posthum veröffentlichten Buch von Übergriffen durch Prinz Andrews berichtet. Man könnte auch hermeneutisch ganz billig fragen: Warum sollte man ein Foto in einer Notsituation machen, wenn eine Person dringend geholfen werden muss? 

Diese Szene der wohlwollenden Interpretation, kurz nachdem Katarina Barley auf die ignorierten Aussagen der unzähligen Überlebenden hingewiesen hat, zeigt sehr gut, was man aus Perspektive aller derer, die nicht im Zentrum und Privileg des Patriarchats stehen auch als hermeneutische Ungerechtigkeit bezeichnen kann – darüber habe ich im Studium übrigens nie etwas gelernt.

Hermeneutische Ungerechtigkeit meint, dass bestimmte Erfahrungen aus dem gemeinsamen Wissensfundus ausgeschlossen werden, wodurch es an geeigneten Deutungs- und Wahrnehmungsmustern fehlt. Mit der Folge, dass etwas als Unrecht nicht erkannt oder benannt werden kann – manchmal nicht einmal von den Opfern selbst, weil sie nicht gelernt haben, ihre Erfahrungen als relevante Gewalt überhaupt wahrzunehmen und zu bewerten. 

Es ist wichtig, dem „Im Zweifel für den Angeklagten“ ein „Im Zweifel für die Person, die im Zweifel um ihr eigenes Wissen unterzugehen droht“ entgegenzustellen. Es ist wichtig, diese Gewalt nach der Gewalt zu benennen. Wenn Gisèle Pelicot während des Gerichtsprozesses gegen ihren Ex-Mann, der sie jahrzehntelang sediert und Männern zur Vergewaltigung angeboten hat, sagt: Die Scham muss die Seite wechseln, dann ist damit auch gemeint, dass das Wissen um die Gewalt, die ihr angetan wurde, auf der anderen Seite, der Seite der Täter, laut und verheerend werden muss.

Denn man muss sich das wieder und wieder bewusst machen: Mädchen und Frauen aller Länder, hunderte, tausende, die ausgesagt, manche verzweifelt ausgeschrien haben, die Interviews gegeben und Bücher geschrieben haben. Und jetzt, in dem Moment, in dem die Epstein-Files da sind, wirkt es oft, als wäre ihr bezeugtes Wissen einfach nicht da. The best way to proceed.

„ Ignorieren ist eine Form von epistemischer Gewalt “

Ob die pädokriminellen Verbrechen in der Kirche, im Leistungsturnen, im weltweiten Netzwerk um Jeffrey Epstein: die Kinder und Frauen haben sich erzählt, immer und immer wieder. Das Problem ist nicht, dass es ihre Geschichten nicht gibt, sondern, dass die Geschichten nicht in Wissen übersetzt werden, das Konsequenzen hat. Eine Geschichte, die zwar gehört wird, der aber nicht geglaubt wird, wird nicht in den allgemeinen Wissensbestand übernommen. Und noch schlimmer: Mit dem Verdacht der Unglaubwürdigkeit versehen, wird die Erzählende in die Unzuverlässigkeit gestoßen, wird ihre Autorität als Wissende angezweifelt. Dabei ist es für alle Menschen essenziell, sich als Wissende zu verstehen und verstanden zu werden.

Mit der Literaturwissenschaftlerin und postkolonialen Theoretikerin Gayatri Spivak kann man diesen Vorgang als epistemische Gewalttat beschreiben. Das Wissen der Epstein-Opfer wird nicht anerkannt, sie werden zum Schweigen gebracht, nicht nur durch Drohungen, Vergleiche vor Gericht, oder andere Mittel, die man sich gar nicht ausmalen will, sondern indem ihre Perspektive schon in der Auslegung durch die hermeneutischen Eliten unterdrückt und abgewertet werden.

Der Satz The best way to proceed is to ignore it steht hinter jeder Anzeige, die nicht verfolgt wurde, jedem Interview einer Überlebenden, das belächelt wurde, dem US-amerikanischen Justizministerium, das keine Konsequenzen zieht und nicht ermitteln lässt. Ignorieren ist eine Form von epistemischer Gewalt. Es ist wichtig, das so direkt zu sagen, denn so explizit, wie Noam Chomsky es Epstein riet, werden wir diesen Mechanismus selten gezeigt bekommen. 

Eine Studie stellt sich diese Woche zwischen meinen Epstein-Files-getränkten Algorithmus und verbindet sich in einer schlagenden Logik mit dem Kampf um Glaubwürdigkeit, den die Überlebenden der Epstein-Files gerade kämpfen. Die Dunkelfeldstudie LeSuBiA (die die Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag untersucht), zeigt statistisch auf, dass nur drei Prozent aller Frauen sexuelle Übergriffe anzeigen. Die Rechtsanwältin Christina Clemm, die vor Gericht und als Autorin unzählige Frauen vertritt und vertreten hat, die von patriarchaler Gewalt betroffen sind, ordnet diese drei Prozent noch einmal ein. Und hier zeigt sich ganz konkret, was Zeugnisungerechtigkeit ist, was epistemische Gewalt ist und erzeugt: „Man konnte ja hoffen, die gestiegenen Zahlen der #geschlechtsbezogenegewalt wären auf eine erhöhte Anzeigenbereitschaft zurückzuführen“, so Clemm in einem Post auf Instagram, der die Studie kontextualisiert. „Aber das Gegenteil ist der Fall. Nach der neuen Dunkelfelduntersuchung #lesubia ist sie gesunken. Was für elendige, erschütternde Ergebnisse“

Son Lewandowski lebt als Autorin und Kuratorin in Köln. Ihr Debütroman "Die Routinen" erzählt von einem System des Missbrauchs im Leistungsturnen.