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Kolumne

"Simone! Gucken!"

Illustration von Nadine Redlich
Nadine Redlich

Unser Kolumnist Tilman Strasser würde jetzt gerne abgeholt werden.

– von Tilman Strasser

Bildrechte: Nadine Redlich

Hier schreiben im Wechsel Autor:innen aus dem Rheinland über Sätze, die ihnen hängengeblieben sind. Heute: Tilman Strasser.

Es gibt Handbrot, ich halte ein Handbrot, aus dem Handbrot tropft Käse auf meine Schuhe. Über mir Lichter und um mich Geschrei. Gedränge, Gewühle, Holstdunochzweiglühwein. Die Boxen schallern Driving home for Christmas über die Menge und einer brüllt: „Simone! Gucken!“

Ich habe Menschen nie verstanden. Die Welt ist groß, aber sie sind lieber alle am selben Ort. Wie ich im bevölkerungsreichsten Bundesland in der bevölkerungsreichsten Stadt auf dem bevölkerungsreichsten Weihnachtsmarkt gelandet bin – ein Rätsel, aber ich würde jetzt gerne abgeholt werden. Stattdessen verrenke ich mir den Hals, um herauszufinden, wer Simone ist und was sie gucken soll. 

„ Knautschzone Winterjacke “

Schließlich muss man erstmal so laut brüllen, dass man Driving home for Christmas übertönt. Aber ich sehe nur rote Wangen, hundertfach dasselbe Gesicht. Ich habe gelesen, dass urzeitliche Stämme aus höchstens 30 Personen bestanden, dass unser Gehirn eigentlich überfordert ist mit jeder größeren Zahl. Also gar nicht erst anschauen. Ich bin Team Simone. 

Außerdem, seit wann muss man sich befehlen lassen, wo man hinzusehen hat? Es gibt viele Wunder auf Erden, aber bestimmt keines zwischen Zipfelmützen und Tassenpfand. Als würde nicht sowieso zuviel geglotzt, gegafft, gestarrt. Wir leben im visuellen Überfluss, Augenschließen ist Avantgarde, Augenschließen ist Widerstand und Selfcare und eine tolle Idee. 

Besonders hier. Knautschzone Winterjacke. Plattgetretene Lebkuchenfragmente, Mülleimer, die Pappschalen auswürgen, ein Stand, der belgische Fritten feilbietet, daneben einer für heilende Steine. In den Bäumen gleißen sternförmige LEDs und die große Tanne neigt sich wie ein gnädiges Fallbeil. Weihnachtsmarkt ist ein radikales Konzept und BESINNLICH ein sehr deutsches Wort und da hinten kann man es sich auf die Stirn stanzen lassen und kriegt zur Belohnung gebrannte Mandeln.

„ Ich remple Männer an, die alle Herbert heißen “

Jetzt natürlich: Kann man Weihnachtsmärkte nicht einfach furchtbar finden. Wurden ja schon viel furchtbar gefunden und es verbietet sich irgendwie, seit sie das Ziel von Anschlägen sind. Weihnachtsmärkte waren mal eintägige Märkte, auf denen man das Nötigste vor dem Winter kaufte. Weihnachtsmärkte sollen umbenannt werden, sollen doch nicht umbenannt werden, wurden schon umbenannt, aber aus anderen Gründen. Weihnachtsmärkte sind Schauplatz von Diebstählen, Exzessen, Übergriffen, Weihnachtsmärkte sind dein gutes Recht, ein bisschen Spaß muss sein und das ist angeblich welcher. Mit welcher Inbrunst sie unsere Freiheit am Reibekuchenstand verteidigen. Kann man den Zerfall einer Gesellschaft daran festmachen, wie verbissen sie an vermeintliche Traditionen klammert? Warum gibt es keine vernünftige Prävention vor Junk Food, Tabak, Alkohol? Bin ich ein nörgeliger Einsiedlerkrebs? Simone, hörst du noch zu?

Der Käse ist fertig mit Aus-dem-Handbrot-Tropfen. Ich lasse das Handbrot fallen, ich wühle mich durch das Gewühl, remple Männer an, die alle Herbert heißen. Schaffe es trotzdem zum Ausgang, habe mich gar nicht verabschiedet, laufe los in die herrlich kalte Nacht und tippe unterwegs ins Handy. Fast stolpere ich über ein Mädchen, das an der Kreuzung steht. „Entschuldige“, sage ich, das Mädchen sagt nichts. Steht nur da, allein. „Alles okay?“, frage ich. „Suchst du wen? Deine Eltern?“ Das Mädchen schaut an mir vorbei. Mit großen Kinderaugen, in denen sich die Lichter spiegeln. Es sind viele und plötzlich funkeln sie friedlich und still. „Kann ich dir helfen?“, frage ich, aber sie will keine Hilfe, sie will nur gucken und ich atme tief ein und drehe mich um und gucke mit. Von hier aus ist alles sehr schön.

Tilman Strasser arbeitet als Autor in Köln. Zuletzt erschien das Hörspiel "Schutzkampagne".