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Buchempfehlung

»Es wird Zeit, dass sich etwas ändert«

Sarah Redlich mit Buch
privat

Sarah Redlich prangert mit Mareike Fallwickl das Patriarchat an.

– von Sarah Redlich

Bildrechte: privat

In Deutschland kommen jedes Jahr mehr als zehntausend Neuerscheinungen auf den Markt. Wer kann da noch den Überblick behalten? Wir! Einmal im Monat empfehlen Literaturkenner:innen und Vielleser:innen aus unserem Netzwerk ein Buch, das sich lohnt. Warum? Das beantwortet der Fragebogen.

Im November liest Sarah Redlich, Medienpädagogin bei der Stadtbibliothek Wuppertal, Und alle so still von Mareike Fallwickl

Worum geht’s?

Es geht um drei Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Geschlecht, die an einem Sonntag im Juni aufeinandertreffen und deren Wege sich miteinander verflechten.

Es geht um Elin, die durch ihren Erfolg als Social Media Influencerin sich immer mehr selbst verliert, um Nuri, der unzählige Jobs hat, um es später einmal besser  zu haben. Und es geht um Ruth, die das Wohlergehen anderer grundsätzlich über das eigene stellt und deren Pflichtgefühl unermesslich ist.

Diese drei sind zufällig alle am gleichen Ort, als Frauen im stillen Protest sich einfach vor einem Krankenhaus auf den Boden legen und alle Handlungen und Aufgaben einstellen. Als sich immer mehr Frauen anschließen und zusammentun, reagiert der Rest der Gesellschaft mit Strafandrohungen, Sperrfristen und Gewalt. 

Worum geht’s wirklich?

Was passiert, wenn Frauen auf einmal aufhören zu funktionieren? Was, wenn all die unsichtbaren Leistungen auf einmal sichtbar werden, sei es professionelle oder auch private Care-Arbeit. Es geht um die grundsätzlichen Fehler des Patriarchats und darum, was wir schaffen können, wenn wir zusammenhalten.

Alle sollten dieses Buch lesen,

um zu verstehen auf wessen Rücken unsere Gesellschaft lastet und von wem sie getragen wird.

Es wird Zeit, dass sich etwas ändert und Care-Arbeit sichtbar und bezahlt wird. Frauen sollten es lesen, um zu sehen, dass sie mit ihrem Gefühl, dass es so nicht richtig sein kann, nicht alleine sind. Männer sollten dieses Buch lesen, um vielleicht umzudenken, denn so viele Verhaltensmuster sind anerzogen und nicht biologisch.

Die Situationen im Krankenhaus, die Fallwickl beschreibt, beruhen größtenteils auf Fakten und es ist hart, sich dies einzugestehen. Fallwickls Bücher packen einen emotional, wühlen auf und radikalisieren auch ein wenig.

Welches Zitat gehört an den Kühlschrank?

Man möchte in diesem Buch ständig Sätze markieren, abschreiben und laut in die Welt hinausschreien. Vielleicht gehören diese nicht unbedingt an den Kühlschrank, aber ein Zitat, das eine gefühlte Wahrheit in die Realität geholt hat ist „Ich bin die Gebärmutter, mich verbinden sie mit Weiblichkeit. Über alles, was mit mir geschieht, entscheiden Männer.”

Aber bereits im ersten Kapitel stand ein Satz, den ich sehr gefühlt habe, da er die kleinen Alltagsfluchten und die Rückkehr in die Realität so gut beschreibt: “Sie schwimmt zurück zur Treppe, zum Bademantel und zum Land, an dem jeder Schritt ein Gewicht hat und jedes Wort auch.”

Das Buch:
Mareike Fallwickl: Und alle so still
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
368 Seiten