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Kolumne

„Quand j’écris famille, allez savoir pourquoi, je mange le m – on lit faille.“

Illustration von Nadine Redlich
Nadine Redlich

Unsere Kolumnistin Sylvie Schenk lässt sich von einem fehlenden Buchstaben in die Tiefen der (Familien-)Geschichte führen.

– von Sylvie Schenk

Bildrechte: Nadine Redlich

Hier schreiben im Wechsel Autor:innen aus dem Rheinland über Sätze, die ihnen hängengeblieben sind. Heute: Sylvie Schenk.

„Wenn ich das Wort Familie aufschreibe, weiß der Kuckuck warum, knabbere ich an dem m - man liest faille.“ (faille= Spalte, Kluft, Bruch, auch: Schwachstelle).
Mit diesem Satz beginnt das Buch La Faille der Französin Blandine Rinkel, halb Essai, halb Erzählung, eine Fundgrube an Film- und Buchzitaten. 
Blandine Rinkel stellt die Familie als die kleinste politische und gesellschaftliche Zelle (auch im Sinn eines Gefängnisses) dar, und kaut auf diesem „m“, wie ein magersüchtiges Kind am Familientisch. Sie erzählt von denjenigen, die sich von einer toxischen Familie radikal trennen müssen, wie Fritz Zorn mit seinem Buch „Mars“ oder wie Christian im Film „Festen“ von Thomas Vinterberg, der seinen Vater an dessen Geburtstag vor Freunden und Verwandten als Kinderschänder demaskiert. Sie erzählt von all den Menschen, die in der Pubertät - wie Rinkel selbst - oder auch viel später aus ihrem großen oder kleinen Clan ausbrechen.  Sie erzählt von denjenigen, die sich selbst gewaltsam abnabeln müssen, von Ausbrüchen aus der Familie als existentiellem Befreiungsakt, vom Mut zu dieser Erkenntnis: „Weg-von-hier - das ist mein Ziel.“ (Kafka) Und von den Schmerzen und Gefahren, die mit der gewonnenen Freiheit einhergehen. Bei der Lektüre erinnerte ich mich an einen Film, den ich nie vergessen werde: Sans toit ni loi (obdachlos, gesetzlos) von Agnès Varga (1985), Vogelfrei auf Deutsch betitelt, und an den Tod von Mona, der unbeugsamen Heldin. Aus welchem erfrorenen Leben sie sich befreit, erfährt man im Film nicht, sie sucht die absolute Freiheit und erfriert real im tiefen Winter. 

„ Ich war gegen die Ehe und habe geheiratet, ich wollte Schauspielerin werden und bin Lehrerin geworden “

Nicht nur eine bornierte Autorität, Gewalt oder elterliche Kälte bedrohen die Integrität eines jungen Menschen, sondern seine Verbundenheit mit den Eltern, sein hartnäckiger Wunsch, geliebt zu werden, seine Verlustangst. Die lieblose Familie erzeugt bei ihren Kindern eine Variation des Stockholm-Syndroms. Die Geisel ist zu nah, um klar zu sehen. Ich habe drei Romane über meine Familie geschrieben. Und weitere über Ausbrüche aus der Ehe, der festen Grundlage der Familie. Wusste, dass mein schriftlicher Überflug mir eine klarere Sicht der Verhältnisse schenkt, habe aber sehr spät verstanden, dass ich nie richtig ausgebrochen bin. Ich war gegen die Ehe und habe geheiratet, ich wollte Schauspielerin werden und bin Lehrerin geworden. Allein das Schreiben war mein Ausbruch, viel mehr als meine Übersiedelung von Frankreich nach Deutschland, mein Erlernen einer anderen Sprache. Ein Ausbruch, der niemandem weh tat. Zugegeben: Kein sans toit ni loi, kein großer Familienskandal, mein gemütlicher Ausbruch fand in vier gut geheizten Wänden statt. Vielleicht gar kein Ausbruch, nur ein tieferes Hineingleiten in die Maschen des Familienstoffs. In meinen Büchern aber bekämpfen sich zwei gegensätzliche Bewegungen: Einmal das Hineinhüpfen ins Nest, denn Recherchen, Analysen, Worte, ob neutral, kritisch oder liebevoll binden die Schreiberin immer stärker an die Familie - sie strickt den Schal einer Mannschaft und bindet ihn sich selbst um. Die umgekehrte Bewegung bleibt weiterhin das Ausschlüpfen zur Freiheit, der andauernde Fluchtversuch, die Ironie, der Selbstspott, die eigene Entlarvung, die Autorin kann nicht mehr damit aufhören. Niemals. Das Buch „Sans famille“ von Hector Malot, das ich in meiner Kindheit gelesen habe, trägt den deutschen Titel „Heimatlos“, so sehr hat der Übersetzer die Familie als Heimat angesehen. Wer aus dem Nest fällt oder fliegt oder es permanent versucht, bleibt in der Tat heimatlos. 

„ Ein großer Klumpen Mitleid sperrt die wilden Träume aus “

Alles vermischt sich, alles beißt sich. Man will weg, aber die Liebe macht einen Strich durch die Rechnung: Das Mitfühlen mit unglücklichen Eltern oder Lebenspartnern wird selbst zum Gefängnis. Ein Riegel im Kopf, ein großer Klumpen Mitleid sperrt die wilden Träume aus. Der Schmetterling brauchte viele Jahren, um aus der Puppe zu schlüpfen, mehr Grips, mehr Enttäuschungen, mehr Schmerz: Ich liebte erneut, litt und blieb.  Ich war einsam und dachte nach. Ich dachte nach und schrieb. Ich schrieb und schrie. Und frage mich bis heute: War nicht mein schriftlicher Ausbruch auch eine wiederholte Suche nach einer anderen Familie (die Leserschaft, die Mitdenkenden, die Mitempfindenden? Die Wahlverwandtschaft überhaupt)? Bin ich nicht eine Wiederholungstäterin? Wie schreibe ich persönlich jetzt das m von Familie? Wie schreiben Sie es?
Aber hier ein Augenzwinkern: Als Autorin mache ich szenische Lesungen, sogenannte Textkonzerte, bin also doch ein bisschen Schauspielerin geworden, doch ein bisschen ausgebrochen. Zeigt sich am Ende doch das Ich durch den Spalt des Bühnenvorhangs?

Sylvie Schenk lebt und arbeitet als Autorin bei Aachen und in La Roche-de-Rame. Zuletzt erschien "In Erwartung eines Glücks" (Hanser Verlag).