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Buchempfehlung

Das Facebook der Pflanzenwelt

Maik T. Schurkus
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Maik T. Schurkus von der Autorengruppe FAUST entdeckt in Lukas Linders „Der Unvollendete“ feinen und fairen Humor.

– von Maik T. Schurkus

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In Deutschland kommen jedes Jahr mehr als zehntausend Neuerscheinungen auf den Markt. Wer kann da noch den Überblick behalten? Wir! Einmal im Monat empfehlen Literaturkenner*innen und Vielleser*innen aus unserem Netzwerk ein Buch, das sich lohnt. Warum? Das beantwortet der Fragebogen.

Maik T. Schurkus von der Autorengruppe FAUST empfiehlt im Oktober Der Unvollendete von Lukas Linder. Für ihn beantwortet das Buch eine Menschheitsfrage: Ist es möglich, einen Seelenwärmer-Roman zu schreiben, der nicht kitschig ist?

Worum geht es?

Anatol ist Mitte dreißig, und sein erster Roman, Graues Brot, war nicht der erhoffte große Erfolg, der internationale Lesereisen und Autogrammstunden nach sich zog. Stattdessen jobbt er, aufgeputscht mit Energy-Drinks, im Altersheim „Abendruh“. Dort lernt er Herrn Gustav kennen, der als Pflanzenkundler arbeitete, bis er psychiatriesiert wurde. Jetzt hat er seinen großen Forschungsdurchbruch: Pilze sind das Facebook der Pflanzen. Doch er ist zu alt, um die Erkenntnis auf dem internationalen Kongress der Pilzforscherinnen und Pilzforscher in Polen vorzustellen. Anatol soll das übernehmen. Und der sieht seine Chance gekommen, endlich ein selbstbewusster und erfolgreicher Intellektueller zu werden und ganz nebenbei die Liebe des Lebens zu finden.

Und worum geht es wirklich?

Anatol ist ein Träumer, ein Idealist und Romantiker; ihn als „liebenswerten Looser“ zu bezeichnen, sagt weniger über seinen Charakter als über unsere Zeit. Und die Zeit ist bekanntlich weder gut noch böse. Sie vergeht und denkt sich nichts dabei, und Anatol hat einen ersten Bilanz-Moment in seiner Biografie erreicht. Und die Bilanz fällt nicht gut aus: Für seine Mutter, eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, ist er ebenso eine Enttäuschung wie für seinen Vater, einen Alt-Linken (klar, die Ehe ist gescheitert). Wie wäre es also, sich selbst noch mal ganz neu zu erfinden? Man muss kein (erfolgloser) Schriftsteller sein, um mit diesem Gedanken zu liebäugeln. Als sein Vortrag über das Facebook der Pflanzen in Lodz bejubelt wird und die polnische Gästebetreuerin mit ihm flirtet, scheint das Ziel ganz nahe. Aber Anatol muss erkennen, dass man sich selbst nicht entkommen kann. Doch ist es wirklich so schlimm, wenn man sich auch in den Misserfolgen treu bleibt?

Lukas Linder ist ein melancholisch-komischer Roman gelungen, dessen Humor nie auf Kosten der Figuren geht. Es ist einfach, sich über das Scheitern lustig zu machen; Linder schafft es aber, dass wir hoffen, ein bisschen Anatol in uns und anderen zu entdecken. Und damit hat er eine Menschheitsfrage beantwortet: Ist es möglich einen Seelenwärmer-Roman zu schreiben, der nicht kitschig ist? Ja.

Welches Zitat gehört an den Küchenschrank gepinnt?

„Er hatte gehofft, dass sich mit dem Erscheinen von Graues Brot sein Leben von einem Tag auf den anderen radikal ändern würde. Doch wie viel Veränderungspotential konnte ein Buch haben, das vom Verlag mit den Worten ‚für Freunde absonderlicher Unterhaltung‘ angekündigt wurde?“

Welche Frage würdest Du dem Autor gerne stellen?

Vielleicht geht eine Scherzfrage, das passt zum Humor des Buches: Was ist schlimmer für eine*n Schriftsteller*in:

1. nicht veröffentlicht werden
2. veröffentlicht werden und erfolglos sein<
3. veröffentlicht werden und erfolgreich sein?

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Linders Debütroman Der Letzte meiner Art.

 

Das Buch:
Lukas Linder: Der Unvollendete
Verlag Kein & Aber
Zürich 2020
288 Seiten