Magazin

Kolumne

Mit Dünkel gegen Arschbomben

Wasserspritzer
© Nadine Redlich

Christian Bartel hört Erschreckendes im Freibad.

– von Christian Bartel

Bildrechte: © Nadine Redlich

Hier schreiben im Wechsel Christian Bartel, Juliana Kálnay und Melanie Raabe über Sätze, die ihnen hängengeblieben sind.

„Da können Affen ja besser kommunizieren!“, zischt die Frau, richtet den Knoten ihres Badetuchs über der Brust und schüttelt den Kopf. Die Freundinnen der Schwimmerin wiegen in konsternierter Solidarität ihre Häupter, dann segeln die drei tropfenden Kulturkritikerinnen mit wehenden Handtuchzipfeln gen Umkleidekabinen, während ich weiter meine Bahnen ziehe.

Bei den Adressaten des Tadels handelt es sich um ein halbes Dutzend zehn- bis elfjähriger Jungen, die ihr Lager auf den beiden Bänken am Schwimmerbecken des Freibads aufgeschlagen haben. Dort hocken sie oder hüpfen von den Startblöcken ins Wasser, wobei sie anschließend aus purer Bosheit quer zu den schwarz gekachelten Bahnenmarkierungen schwimmen. Derart zügelloses Verhalten wird in einem bundesdeutschen Freibad eigentlich nicht geduldet, doch die diensthabende Schwimmmeisterin scheint Anhängerin einer permissiven Pädagogik, außerdem herrscht an diesem wolkenverhangenen Tag kaum Verkehr. Wir kommen uns nicht ernsthaft in die Quere. Kaum sind die Kinder wieder aus dem Wasser, peitschen sie sich quietschend mit gezwirbelten Handtüchern, deren Spitzen sie vorher ins Wasser getaucht haben, um danach einträchtig Sammelkarten zu tauschen oder einander Pommes in die Nasenlöcher zu stecken. All dies haben die drei bahnenziehenden Damen mit wachsendem Ingrimm betrachtet, aber kommentarlos hingenommen.

Doch dann: die Sprache! Nein, die Sprache, ach, die Sprache! Sie wird von den bösen Buben verhunzt und verbogen, dass das liebe Abendland vor Kummer vergehen mag. Bei ihren rätselhaften Tätigkeiten johlen sich die Jungs Ausrufe in einem Kindheits-Lingo zu, dessen Referenzen dem Volljährigen undurchsichtig bleiben und dessen Themen sich aus Quellen speisen, die Erwachsenen längst versiegt sind. Außerdem haben die Kinder Hindernisse wie Grammatik und Wortballast, die den Fluss der Kommunikation hemmen könnten, weitgehend abgeräumt. Stattdessen arbeiten sie mit Betonungsvarianten, die simplen Interjektionen wie „Ey!“, Anredetiteln wie „Alta!“ und seinem Rechtsnachfolger „Digga!“ immer neue Bedeutungsnuancen geben. Komplexere Sachverhalte werden zungengeschnalzt, bisweilen gerülpst.

Doch zu derart eigenmächtigem Gebrauch der Mutterzunge mag selbst ein stundenlang gewässertes Bürgertum nicht schweigen. „Da können Affen ja besser kommunizieren!“, lautet also das vernichtende Diktum, das unangenehme Einsicht in eine blickdicht mit Dünkel ausgespachtelte Welt erlaubt. Die Invektive war durchaus ernst gemeint. Ein stinkendes Lüftchen der Verachtung weht von den Umkleiden herüber, doch zum Glück sind die Jungs zu sehr mit Arschbomben beschäftigt, um den Schwefelgeruch über dem Wasser zu bemerken. Den implizierten Affenvergleich hätte sich die Schwimmerin bei schwarzen Kindern sicher verkniffen, zu offensichtlich wäre der eigene Rassismus dabei aus der Gruft der schlecht verdrängten Gefühle gesprungen. Aber diese Jungs haben bloß einen blassen Migrationshintergrund, den ihre Eltern oder Großeltern aus Kurdistan oder der Türkei mit ins Rheinland gebracht haben, da stört so ein kleiner Abstecher ins Idiom des Unmenschen ja nicht besonders, oder was?

Ich formuliere eine geharnischte Replik, während ich vor Empörung immer mehr Wasser verdränge. Als ich meine letzte Bahn abgeschwommen habe, steht auch meine Würdigung des emotional-expressiven Reichtums im jugendlichen Sprechen unter besonderer Berücksichtigung migrantisch geprägter Soziolekte. Natürlich hat die Sprachkritikerin das Bad inzwischen verlassen, dafür schlägt direkt vor meiner Nase eine arschgewordene Kindbombe ein. Diese verdammten kleinen Affen, denke ich. Anschließend spüle ich mir den Mund mit Chlorwasser aus.

Christian Bartel ist Freibadenthusiast und inzwischen zum Bahnenschwimmer konvertiert. Künstlerisch kommt aber auch er von der Arschbombe.