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Buchempfehlung

»Ein Jahr lang haben wir aufgeräumt«

Brigitte Kaßberg mit Buch
privat

Brigitte Kasberg lernt in Ursula Otts "Das Haus meiner Eltern hat viele Räume" das Loslassen.

– von Brigitte Kasberg

Bildrechte: privat

In Deutschland kommen jedes Jahr mehr als zehntausend Neuerscheinungen auf den Markt. Wer kann da noch den Überblick behalten? Wir! Einmal im Monat empfehlen Literaturkenner:innen und Vielleser:innen aus unserem Netzwerk ein Buch, das sich lohnt. Warum? Das beantwortet der Fragebogen.

Im August liest Brigitte Kasberg, Leiterin der Stadtbücherei Jülich, 
Das Haus meiner Eltern hat viele Räume von Ursula Ott

Worum geht’s?

Die Journalistin Ursula Ott arbeitet in diesem sehr persönlichen Buch ein schweres Thema warmherzig, ja fast schon leicht und liebevoll auf. Ihre 87-jährige verwitwete Mutter fasst nach einigen Unfällen den Entschluss, ihr Haus zu verkaufen und in eine Wohnung zu ziehen. Doch auch wenn alles logisch und richtig erscheint – einfach ist dieser Schritt für keinen, weder für die Mutter, noch für die Kinder und deren Familien. Beim Ausräumen des Hauses fließen neben Schweiß auch Tränen. Detailliert und auf den Punkt gebracht werden die einzelnen Entscheidungen und die Herangehensweise beim Aufräumen des Hauses beschrieben. Eigentlich fühlt es sich ja falsch an, Dinge wegzuwerfen, die einen fast ein ganzes Leben lang begleitet haben, aber wer braucht schon Dutzende von Gläsern und Tellern oder riesengroße Eichenschränke in einer modernen und kleinen Wohnung. Aber wohin mit all diesen Sachen …

Worum geht’s wirklich?

Loslassen können – was es bedeutet, das Elternhaus räumen zu müssen.

Hierbei steht nicht selten auch die Frage im Raum, was mit dem Elternhaus/ der elterlichen Wohnung passieren soll. Wie verabschiedet man sich vom Ort seiner eigenen Kindheit? Und selbst wenn man als Kind schon länger nicht mehr im Elternhaus gewohnt hat, fällt einem das Loslassen vom alten Zuhause oft schwer.

Nach einiger Zeit entwickelt Familie Ott jedoch eine Strategie beim Aussortieren, indem sie genau beobachtet, wie sich die einzelnen Gegenstände „anfühlen“. Es wird zwischen warmen und kalten Dingen unterschieden – warme Dinge, die man liebt und die positive Gefühle hervorrufen oder kalte Dinge, mit denen schlechte Erinnerungen verbunden sind und die negative Emotionen hervorrufen. Zudem stellen alle fest, dass sich bei dieser Vorgehensweise die Chance und die Zeit ergibt, Fragen zu manchen Sachen und ihrer familiären Bedeutung zu stellen und so mehr über manche Gegenstände zu erfahren, um diese vielleicht noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Alle sollten dieses Buch lesen, weil …

... es inspirierende Denkanstöße und Impulse zu einem Thema gibt, welches jedem vermutlich einmal bevorstehen wird. Die vorgestellte Strategie kann dabei helfen, vorbereitet zu sein und den bevorstehenden Prozess als eine essenzielle Aufgabe (auch für das eigene Leben) zu betrachten. 

Welches Zitat gehört an den Kühlschrank?

"Ein Jahr lang haben wir aufgeräumt. Unser Haus. Unsere Kindheit. Unsere Familie."

Das Buch:
Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume
Verlag btb, München 2018
192 Seiten