Hier schreiben im Wechsel Autor:innen aus dem Rheinland über Sätze, die ihnen hängengeblieben sind. Heute: Jenny Bünnig.
Nächstes Jahr wartet ein Jubiläum. Denn am 6. August 1926 durchschwamm Gertrude Ederle in einer Zeit von vierzehn Stunden und zweiunddreißig Minuten den Ärmelkanal zwischen dem französischen Cap Gris-Nez und dem englischen Dover. Sie war damit nicht nur die erste Frau, der das gelungen ist. Vor ihr war noch dazu kein Mensch schneller.
Natürlich könnte man jetzt einwenden, warum ich dann schon heute über dieses Ereignis schreibe und nicht erst 2026. Tatsächlich ist es so, dass Trudy Ederle bereits ein Jahr zuvor versucht hat, den Ärmelkanal zu überwinden, jedoch durch das Eingreifen ihres damaligen Trainers daran gehindert wurde. Das war im Sommer 1925, also vor ziemlich genau einem Jahrhundert. Das mag man nun als Behelfsmäßigkeit interpretieren, um diesem Text einen Anstrich von Aktualität zu geben, weil ich eben jetzt für diese Kolumne angefragt wurde. Man könnte aber auch einfach akzeptieren, dass ich damit formal alle Vorgaben erfüllt habe.
„ Die See so rau und wild, dass Ederle für jeden geschwommenen Meter zwei wieder zurückgeworfen wurde “
Aber keine Sorge. Die nächsten Zeilen werden weder ein moralisierender Kommentar darüber, dass nicht nur die Erfolge im Leben etwas zählen, sondern man die Fehler, Stolpersteine und Bruchlandungen mindestens genauso wertschätzen sollte (was aber sicher durchaus richtig wäre). Noch werde ich mich in epischer Breite darüber auslassen, wie eine weitere Frau durch Diskriminierung, Abwertung und gezielte Benachteiligung beinahe für immer ihres großen Moments beraubt worden wäre (was aber so war und wozu ich liebend gern mehr sagen würde, gerne auch in epischer Breite).
Es soll hier stattdessen um ein kleines Wörtchen gehen oder besser, zumindest im Englischen, zwei: what for? Denn vor Kurzem habe ich in der Biografie Young Woman & the Sea (2009) gelesen, dass Trudy Ederle genau das bei ihrem zweiten Versuch zu ihrem Vater und ihrem Trainer gesagt haben soll, als beide sie dazu bringen wollten, aus dem Wasser zu kommen und aufzugeben. Zu diesem Zeitpunkt war sie, wenn stimmt, was so geschrieben steht, vier Stunden im Wasser und die See so rau und wild, dass Ederle für jeden geschwommenen Meter zwei wieder zurückgeworfen wurde. Es sah also nicht wirklich gut aus für sie.
Und in dieser Situation, die gewaltigen Wassermassen vor und hinter, neben und unter sich, könnte Trudy Ederle einfach auf ihren Vater und ihren Trainer (zwei Männer, klar) hören und zurück aufs Boot krabbeln, das sie begleitet. Sie könnte sich dick einpacken lassen in Handtücher und Decken, denn man sollte sich nicht vertun, die See zwischen Nordfrankreich und Südengland ist auch in den Sommermonaten sehr weit unter Badewannentemperatur. Aber das tut sie nicht. Sie schwimmt weiter. Und vor allem fragt sie: what for? Also: wozu?
„ Nicht warum, sondern wozu? “
Sie bringt nicht wieso über die wahrscheinlich längst blauen Lippen, nicht weshalb oder warum (im Englischen: why why why). Sie fragt also nicht nach dem Grund, sondern nach dem Zweck oder der Absicht. Das ist ein entscheidender Unterschied, der noch dazu eine zeitliche Komponente einschließt. Denn mit warum konzentriert man sich vor allem auf die Vergangenheit, während wozu den Blick auch in die Zukunft richtet.
Dass sich einiges ändert, wenn man das Fragewort austauscht, möchte ich an einigen, zugegebenermaßen nicht ganz spontanen Beispielen verdeutlichen: Nicht warum wird Gewalt an Frauen nach wie vor bagatellisiert, sondern wozu? Nicht warum werden wissenschaftliche Ergebnisse zur Klimakrise seit Jahrzehnten angegriffen, sondern wozu? Nicht warum werden queere Menschen weltweit ihrer Rechte beraubt, sondern wozu? Nicht warum hat Friedrich Merz in beispielloser Weise im Januar 2025 mit der AfD gestimmt, sondern wozu? Nicht warum besteht für rechte Parteien, Medien und Menschen das größte Problem immer, wirklich immer in der, dem oder den Fremden, sondern wozu?
Damit sind diese zwei Worte im Englischen oder wahlweise dieses eine Wort im Deutschen aktueller als jedes hundertjährige Jubiläum, das nächstes Jahr zu feiern ist. Und damit komme ich auch zur Antwort auf die möglicherweise auftauchende Frage, wozu ich für diese Kolumne gerade dieses Thema gewählt habe. For this.
Jenny Bünnig ist Autorin an der Schnittstelle von Rheinland und Ruhrgebiet. Sie veröffentlichte mehrere Romane, zuletzt "Meine fremde Freundin" (Arche), und schreibt auch unter verschiedenen Pseudonymen.