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Buchempfehlung

»Wie sich Weltgeschichte in der Poppelsdorfer Allee verdichtet«

Gunnar Sohn mit Buch
privat

Gunnar Sohn entdeckt in der Anthologie „Bonner Bogen“ das Fortleben einer politischen und kulturellen Topografie.

– von Gunnar Sohn

Bildrechte: privat

In Deutschland kommen jedes Jahr mehr als zehntausend Neuerscheinungen auf den Markt. Wer kann da noch den Überblick behalten? Wir! Einmal im Monat empfehlen Literaturkenner:innen und Vielleser:innen aus unserem Netzwerk ein Buch, das sich lohnt. Warum? Das beantwortet der Fragebogen.

Im August liest Gunnar Sohn, Wirtschaftspublizist, Blogger,Moderator, Kolumnist und Dozent, 
Bonner Bogen, herausgegeben von Monika Littau und Harald Gesterkamp

Worum geht’s?

Das Buch Bonner Bogen. Literarisches von A (wie Beethoven) bis Z (wie Westerwelle) ist ein vielstimmiges Mosaik über jene Stadt, die sich hartnäckig ihrer Provinzialität verweigert. Die versammelten Beiträge schlagen einen literarischen Halbkreis durch Zeiten und Topografien, durch Bonns Amtliches und Intimes, Historisches und Fiktives. Es ist ein Alphabet der Erinnerungen, Fundstücke aus Biografien und Stadtgeschichte, das sich weigert, sich in einer Richtung lesen zu lassen.

Worum geht’s wirklich?

Es geht um das Fortleben einer politischen und kulturellen Topografie, die sich nie auf das bloß Offizielle reduzieren ließ. Bonn ist – in diesen Texten – keine Hauptstadt mehr, aber ein Speicher der westdeutschen Imagination. Zwischen melancholischer Ironie und scharfkantiger Zeitdiagnostik entsteht ein Diskursraum, in dem literarische Verfahren als Überlebensstrategien sichtbar werden. Es geht darum, wie man aus der Fußgängerzone heraus auf die Welt blickt – und wie sich Weltgeschichte in der Poppelsdorfer Allee verdichtet.

Alle sollten dieses Buch lesen, weil …

… es ein antididaktisches Kompendium ist – gegen die Verwaltung von Erinnerung, gegen das Glattschleifen der Vergangenheit. Bonner Bogen ist ein Korrektiv zum linearen Geschichtsdenken: subjektiv, widerständig, klug montiert, mit Witz, Verletzbarkeit und tiefem Sinn für das Nebensächliche.

Welches Zitat gehört an den Kühlschrank?

„Nietzsches Hauptwerk wurde nie geschrieben.“ (Anke Glasmacher)
Ein Satz wie ein geöffnetes Fenster. Erinnerung, Recherche, Weltverachtung und intellektuelles Spiel kondensieren sich in diesem einen Halbsatz zu einer Haltung, die das ganze Buch durchzieht.

Das Buch:
Bonner Bogen. Literarisches von A (wie Beethoven) bis Z (wie Westerwelle)
Harald Gesterkamp, Monika Littau (Hrsg.)
Elsinor Verlag, Coesfeld 2025
168 Seiten